Solidarität

Solidarität ist keine Einbahnstraße

Im Zusammenhang mit der Entwicklung der modernen kapitalistischen Industrie entwickelte sich ein modernes Solidaritätsprinzip: die gegenseitige Absicherung und Hilfe der Arbeiter*innen untereinander – sowohl gegen existenzielle Bedrohungen, als auch für die Durchsetzung ihrer Lebensinteressen gegen die Profitinteressen der Unternehmer*innen.

Arbeiter*innen schlossen sich im Sinne dieser Solidarität in Gewerkschaften zusammen und kämpften gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen, für die Verkürzung der Arbeitszeit und für höhere Löhne. So wurden Standards (wortwörtlich) erkämpft. So die 5 Tage-Woche, und der 8 Stunden-Tag. Auseinandersetzungen um kollektive Arbeitsverträge (Tarifverträge) oder gegen Entlassungen und Betriebsschließungen gingen und gehen nicht selten über Wochen, Monate, manchmal sogar über Jahre.

Meinungen, wie sie auch in vielen Kommentaren zu unserer Umfrage wieder zu lesen waren – Austritt aus ver.di oder gar nicht erst eintreten – zeigen, dass dieser Grundgedanke der Gruppenstärke heute oft verkleistert ist. Dahinter steht eine Stellvertreterlogik – für die einerseits die übermächtigen Funktionär*innen verantwortlich sind, die andererseits aber inzwischen auch unter uns Arbeiter*innen an der Basis gepflegt wird. Apparatinteressen und Konsummentalität verderben den Gedanken der Gewerkschaft als solidarischer Gemeinschaft der Lohnarbeiter*innen.

Mit handfesten Folgen, wenn Gewerkschaften dann dem profithungrigen Großkapital und dem sozialkürzenden Staat in vielen Dingen ziemlich saft- und kraftlos gegenüberstanden. Befristungen, Leiharbeit, Hartz-Reformen, „sozialverträgliche“ Entlassungen oder auch Absenkungstarifverträge wie dem TV-N.

Bei den letzten BVG-Streiks gab es u.a. ein wichtiges Problem: Vorstand und Senat machten mit der Presse direkt Stimmung gegen unsere Streiks. Und andererseits gab es einen schwerfällige Streikführung und so gut wie keinen Streik-Aktivismus an der Basis. Doch erst recht für uns ist Solidarität auch über die Belegschaft hinaus besonders wichtig. Wenn wir streiken und die Solidarität großer Teile der Bevölkerung haben, sind wir unschlagbar.

Solidarität ist aber eben keine Nächstenliebe, ist nicht, Fremden uneigenützig Gefallen zu tun (und auch nicht nur für eigene Interessen einzutreten). Solidarität leistet man für andere Arbeiter*innen und benachteiligte Bevölkerungsgruppen, die für ihre Interessen kämpfen. Und Solidarität bekommt man zurück, wenn es einem ebenso geht.

Zurzeit sind es in Berlin u.a. die Kolleg*innen an den Berliner Kliniken von Charité und Vivantes, die unsere Solidarität brauchen. Das sind einerseits die Pflegekräfte, die bald für eine Personalbemessung (Entlastungs-Tarifvertrag) kämpfen müssen. Und andererseits die Beschäftigten der tariflosen Service-Tochtergesellschaften der öffentlichen Krankenhäuser: VSG (Vivantes Service GmbH) und CFM (Charité Facility Management GmbH). Dort kämpfen die Kolleg*innen unter extrem schwierigen Bedingungen gegen die perfide künstliche Spaltung der Krankenhaus-Arbeiter*innen. Das Ziel heißt: ein Betrieb – ein Tarifvertrag. Das ist nur mit wachsender Solidarität zu schaffen.

Wir von ver.di aktiv haben deswegen beim Streik der CFM-Beschäftigten im Mai unsere Solidarität bekundet – mit einem Transparent bei der „aktiven Frühstückspause“ und dem anschließenden Besuch einer kleinen Delegation am Virchow-Klinikum, sowie einer Solidaritätserklärung. Auf unserer Website haben wir auch eine Petition der Kolleg*innen veröffentlicht. Auch bekamen wir bei unserem letzten ver.di aktiv-Treffen Besuch vom CFM-Streik. Auf unsere Initiative hin hatte auch der ver.di Betriebsgruppenvorstand (BVG) zugesagt, eine Solidaritätsnachricht zu schicken. Das sind erste Schritte der Solidarität, denen noch weitere Folgen sollen. Erste Schritte zugleich für einen gewerkschaftlichen Kurswechsel.

Jede*n von uns sollten diese Fragen beschäftigen: Was kann ich tun, um Solidarität zu entwickeln? Mit wem kann ich mich darüber austauschen? Wie kann ich Verantwortung für unsere Lage übernehmen? Bin ich fähig, mich als eigener Kopf gewerkschaftlich zu engagieren? Was kann ich zur Veränderung beitragen? Und: wie kann ich ganz konkret in nächster Zeit irgendeinen Beitrag zur Unterstützung unserer Kolleg*innen bei Vivantes/VSG und Charité/CFM leisten?

Wir müssen uns alle aufraffen, um Solidarität zu schaffen. Denn sie wird uns unsere Siege ermöglichen. Der berühmte britische Filmemacher Ken Loach formulierte es nicht ohne Grund so deutlich „Solidarität ist die schärfste Waffe im Kampf der Arbeiterklasse.“
Bewaffnen wir uns endlich.

Ein Gedanke zu „Solidarität ist keine Einbahnstraße

  1. Liebe KollegenInnen,
    ich als Vivantes Mitarbeiter und aktiver Gewerkschaftler finde Eure Solidarität
    zur CFM und zu vivantes eine starke Unterstützung im gemeinsamen Kampf
    gegen die Ungerechtigkeiten, die wir alltäglich erleben.
    Und auch wir haben das gleiche Problem mit Ver.di, wo ich das Gefühl habe das einige
    Hauptfunktionäre abgewählt werden müssten. In einer demokratischen Ver.di
    wäre dies möglich, jedoch in unserer wohl nicht. Wenn im Beschluss des Bezirksvorstandes von Ver.di (27.04.2017) uns ein Streikrecht auch für den Erhalt des
    Arbeitsplatzes eingestanden wird, warum unterstützt uns denn Ver.di nicht?
    Wir dürfen streiken, jedoch nicht unter der Verwendung unserer Forderung: Tochtergesellschaften in die Mutter zurückführen.
    Da steht uns noch ein harter und langer Kampf bevor.

    Also, Ihr Seht nicht nur Ihr habt Probleme mit Ver.di auch andere.
    Solidarische Grüße
    Ingo von Vivantes.

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