Botanischer Garten im Klimastreik: „Für mich ist klar, dass wir selbst aktiv werden müssen.“

Die Belegschaft des Botanischen Garten, der zur FU Berlin gehört, sind in den vergangenen Jahren zu einem leuchtenden Beispiel für andere prekär Beschäftigte der Hauptstadt geworden. Denn einerseits haben sie 2017 mit zahlreichen Aktionen, Warnstreiks und viel Öffentlichkeitsarbeit die Rückführung der ausgelagerten Garten-Gesellschaft in die FU erreicht und damit ihre Löhne deutlich erhöht. Andererseits sind sie seitdem immer wieder als Unterstützer*innen anderer Arbeitskämpfe und Belegschaften in Erscheinung getreten – mit Grußbotschaften, Soli-Fotos oder der Teilnahme an Kundgebungen und Demonstrationen.

Am 20. September waren einige von ihnen auf der Großdemo zum Klimastreik. Wir haben mit der Gärtnerin Ivonne darüber gesprochen, wie es zur gemeinsamen Teilnahme zahlreicher Kolleg*innen an den Umweltprotesten kam und wie die Vorbereitung auf kommende Klimaproteste aussieht.

Wie beteiligte sich die Belegschaft des Botanischen Garten am 20. September am Klimastreik?

Ivonne: Wir waren zwischen 25 und 30 Leute aus allen möglichen Bereichen des Botanischen Gartens und Museums. Also aus der Technik, Wissenschaft, auch Azubis aber insgesamt hauptsächlich aus dem Gartenbereich. Das war für mich mehr, als ich erwartet hatte, da sich relativ schnell herausstellte, dass die Leute es noch nicht für selbstverständlich halten, für das Klima auf die Straße zu gehen. Einige Leute, die gern dabei gewesen wären, waren allerdings auch im Urlaub. Toll war, dass die Auszubildenden fast alle dabei waren. Vermutlich spielt das Thema gerade für jüngere Leute eine große Rolle.

Das ist im Vergleich zu anderen Betrieben eine sehr gute Beteiligung. Wie habt ihr das erreicht?

Ivonne: Naja, es war trotzdem nur ein Bruchteil der Gesamtbelegschaft. Andere Kolleg*innen aus dem Museum waren wohl privat auch auf dem Klimastreik, von einigen weiß ich das zumindest. Und einige unserer Wissenschaftler*innen hatten sich bereits im Frühjahr zu der Stellungnahme der Scientists for Future bekannt.

Trotzdem war unsere gemeinsame Teilnahme als selbstorganisierte Kolleg*innen etwas, das es woanders so kaum gab. Erreicht haben wir das durch viele persönliche Gespräche und Informationen am Schwarzen Brett. Ich hatte das Gefühl, das einigen das Thema wichtig ist. Nur die Organisation musste halt in die Hand genommen werden. Ich habe mit ein paar Leuten intensiven Kontakt gehabt und dann überlegt, wo wir uns wann am besten treffen und zum Brandenburger Tor kommen. Dann hab ich kleine Zettel mit den Infos aufgehängt und auch Klimastreik-Poster und dann kamen die Leute tatsächlich. Die Hilfe von Kolleg*innen ist dabei nicht zu unterschätzen. Es ist wichtig, dass die Leute auch die Infos an andere weitergeben oder in ihrem Bereich auch mal ein Poster aufhängen. So lief es, das hat gut funktioniert. Den Direktor hatte ich Anfang August um eine Stellungnahme gebeten, um der Belegschaft den Entschluss zu erleichtern. Er hat sich zwei Tage vor dem Klimastreik noch gemeldet und erklärt, dass die Leitung die Teilnahme außerhalb der Arbeitszeit unterstützt. Eigentlich hätten es aber noch mehr sein müssen, denn der Verlust von Biodiversität hängt eng mit dem Klimawandel zusammen und Biodiversität ist das, was wir am Botanischen Garten zeigen, erforschen und erhalten.

Mit welchen Forderungen seid ihr zur Demo gegangen?

Ivonne: Wir hatten keine gemeinsamen Forderungen sondern sind zunächst mal dem Aufruf von Fridays for Future gefolgt, die ja von der Politik schnelles Handeln und die Einhaltung des Paris-Abkommens fordern. Dabei wollten wir sie unterstützen. Mittlerweile diskutieren wir aber darüber, ob wir nicht auch gemeinsame Forderungen aufstellen sollten, zum Beispiel nach kostenlosem ÖPNV.

Es gab im Vorfeld des Klimastreik eine Initiative von Gewerkschafter*innen, die Führungen von ver.di, IG-Metall & Co. zu einem richtigen politischen Streik am 20.09. aufzurufen. Wie stehst du dazu?

Ivonne: Ich finde das extrem gut und die logische Konsequenz aus der aktuellen Situation. Gleichzeitig sehe ich, wie die Gewerkschaften sich darum drücken, das ist einfach nur traurig. Jetzt ist die beste Zeit! Und wenn die Gewerkschaften es nicht hinkriegen, dann hoffe ich die Menschen machen das einfach selbst.

Der Historiker Uwe Fuhrmann hat das in seinen Tweets dazu sehr gut auf den Punkt gebracht:

 

Landesbeschäftigte in Berlin haben von oberster Stelle die Erlaubnis bekommen, trotz Überschneidung mit der Kernarbeitszeit für die Demo frei zu nehmen. Ein richtiger Streik war dadurch nicht nötig. War das für euch eher hinderlich oder hilfreich?

Ivonne: Ja, das ist eine interessante Frage. Ähnlich lief es ja bei uns mit dem Direktor auch.
Für mein Empfinden war es schon hilfreich, denn die Meinung der Vorgesetzten ist für viele Kolleg*innen bedeutsam. Von daher denke ich, dass die offizielle Erlaubnis zunächst gut war. Doch wenn wir in Zukunft mehr Leute bewegen wollen und diese Erlaubnis dann vielleicht nicht mehr kommt, was passiert dann? Werden die Leute dennoch auf die Straße gehen und erkennen, dass sie selbst bestimmen können, welche Themen es wert sind, sogar die Arbeit niederzulegen? In weniger „grünen“ Branchen ist das glaube ich noch schwieriger. Ich habe das Gefühl, dass es eine gewisse Unsicherheit gibt, was die Wahrnehmung von Rechten angeht. Es muss klar sein, dass wir ein Recht auf Streik haben. Wir dürfen unsere Meinung äußern, das ist ein wichtiges Werkzeug. Dazu gibt es eine Art Vertrauen in den Staat, das ich persönlich nicht ganz nachvollziehen kann. Wir sehen doch seit Jahren, dass Profitinteressen einen riesigen Einfluss auf die Politik haben. Für mich ist klar, dass wir selbst aktiv werden müssen. Aber ich sehe auch, das nicht alle das so einfach können, was ich meine ist: Viele Menschen sind einfach mit ganz anderen Problemen konfrontiert, sind prekär beschäftigt oder arbeitslos, alleinerziehend oder warten auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge.

Gerade in unserem Fall als Beschäftigte eines der größten Botanischen Gärten wäre es aber lächerlich gewesen, den Klimastreik nicht zu unterstützen. Ich glaube allerdings, es wäre mehr drin gewesen. Ein Botanischer Garten, der die Arbeit komplett niederlegt und demonstriert, wäre doch viel glaubwürdiger, als Streiken in der Freizeit.

Die Reaktion der Regierung auf die Klimaproteste war völlig unzureichend, es wird also sicher noch weitergehen. Wollt ihr euch auch in Zukunft zusammen an den Klimademos beteiligen?

Ivonne: Wir müssen erstmal zu einem richtigen “wir” kommen. Ob die Leute weitermachen wollen, kann ich nicht ganz einschätzen, werde es aber in den nächsten Wochen herausfinden. Ich persönlich hoffe sehr, dass wir uns weiterhin beteiligen und weitere Kolleg*innen gewinnen können. Und an alle, die das hier lesen und beispielsweise auch aus der Grünen Branche in Berlin sind: Falls ihr Arbeiter*innen seid und auch gern zu den kommenden Klimastreiks gehen wollt, lasst uns zusammen gehen, irgendwann als großer grüner Block. Wir müssen mehr Workers for Future werden!

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