“Der Kampf ist im Interesse aller Beschäftigten”

Interview mit Paul Zahl, Krankenpfleger an der Charité (49) ver.di Mitglied.
Von Moritz Schmöller

Seit heute befinden sich Du und Deine Kolleg:innen der Charité im Warnstreik. Was erwartest Du Dir von der TVöD Tarifrunde?

Unsere Forderung nach einer Lohnerhöhung ist wichtig und berechtigt und auch die Bezahlung der Pausenzeit oder eine Arbeitszeitverkürzung überfällig. Neben den Forderungen den TVöD betreffend erscheint es mir wichtig, dass in diesem Arbeitskampf immer wieder deutlich wird, dass wir eine Spaltung der Belegschaft nicht länger dulden werden.

Du spielst auf die ausgegliederten Beschäftigten der Charitétochter CFM an?

Richtig, die CFM gehört wieder zu 100% zur Charité, doch die KollegInnen werden nicht nach TVÖD bezahlt. Das ist nicht länger hinnehmbar. Bei allen Aktionen des Streiks sollte die Forderung “Ein Betrieb-ein Tarifvertrag” sichtbar sein. Auch wenn scheinbar zwei getrennte Arbeitskämpfe geführt werden, sie gehören zusammen.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass Du als Charitémitarbeiter den Schwerpunkt bei der CFM siehst?

Nein, Sparmodelle, wie das der CFM, weiten sich aus und bedrohen damit auch uns, die nach TVöD bezahlt werden. Immerhin waren viele Aufgaben der CFM auch schon mal selbstverständlicher Bestandteil der Charité. Derzeit werden zum Beispiel Kooperationen mit privaten Hochschulen aufgenommen, um Studiengänge in der Pflege anzubieten. Kostenpflichtig natürlich. Und das, obwohl die Charité sogar zwei Mutteruniversitäten hat. Das sind nur Beispiele, warum der Kampf gegen Outsourcing – entgegen der umtriebigen Spaltungslogik des Senats – im Interesse aller Charitébeschäftigten ist.

Die Löhne laufen bei den Stammbeschäftigten der Mutter und der Niedriglohntochter immer weiter auseinander? Was macht das mit dem Betriebsklima?

Das alles drückt auf die Stimmung, auf allen Seiten. Wir sehen jeden Tag, welche schwere und wichtige Arbeit in der Reinigung, der Logistik, dem Catering usw. geleistet wird. Ich sehe auch in der Pflege eine Bereitschaft, die Kolleg:innen der CFM in ihrer Forderung nach dem TVöD zu unterstützen.

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen CFM Beschäftigten und Euch im Klinikalltag konkret aus?

Der Ablauf mit Untersuchungen, Prozeduren, OPs hängt zum Beispiel stark von der Arbeit des Krankentransports ab. Gerade für neue Pflegekräfte sind sie oft eine wichtige Stütze, da sie sich sehr gut auskennen, wo welche Untersuchungen stattfinden, welche Unterlagen dabei sein müssen. Aber auch mit allen anderen Gewerken der CFM arbeiten wir eng zusammen. Wir müssen uns aufeinander verlassen können.

Welche Auswirkungen hatten die Streiks der CFM bei den gemeinsamen Abläufen?

Es kam zu Einschränkungen der Mitarbeiterversorgung, zu einer deutlichen Mehrbelastung der Pflegekräfte, des Service, aber auch der ÄrztInnen. Zum Beispiel durch die Übernahme von Patienten- und Versorgungstransporten, Auffüllarbeiten usw. Natürlich kam es auch zu Verzögerungen und Verschiebungen bei Operationen und Untersuchungen. Dazu kommt die Belastung für die Patient:innen, die auf Untersuchungen oder Rücktransport lange warten mussten.

Trotzdem gab es kürzlich Drohungen durch Charitéchef Heyo Krömer. Er kann sich nicht vorstellen, dass die Gewerke der CFM künftig nach TVöD bezahlt werden.

Ich empfinde die Äußerung Kroemers als Frechheit und auch als Drohung gegen die Pflegekräfte. Er begründet ja die Verweigerung des TVÖD damit, dass er die Tätigkeiten der CFM über Fremdfirmen einkaufen könne, die aufgrund von Tariflosigkeit oder „Billig- Tarifen“ für die Charité günstiger wären. Er droht also indirekt auch uns mit Fremdvergabe, denn auch im Bereich der Pflege gibt es Tarife, die günstiger sind als es der TVöD ist. Die Reinigung scheint ihm ein besonderer Dorn im Auge, obwohl sie ein wichtiges Aushängeschild der Charité ist. Patient:innen berichten sicher von guter Medizin, aber ebenso von der Qualität des Essens oder der Sauberkeit im Zimmer. Ob Corona, MRSA und Co – Krankenhaushygiene ist ein wichtiger Pfeiler in einem professionellen Krankenhausbetrieb.

Was ist aus Deiner Sicht noch erforderlich, die gesteckten Ziele zu erreichen?

Die Erfahrungen an Charité und CFM zeigen, dass es wichtig ist, wenn die Streikenden regelmäßig und oft miteinander im Austausch stehen und Planungen für den Arbeitskampf in Streikversammlungen selbständig erstellen und dort das gemeinsame Handeln abstimmen. Das entlastet die Tarifkommission, fördert das Selbstvertrauen im Arbeitskampf und letztendlich auch die Streikbeteiligung.

Der Streik bei der CFM wurde wenige Tage vor Eurem Warnstreik beendet. Was würde in einem Krankenhaus eigentlich passieren, wenn “Mutter und Tochter” gleichzeitig die Arbeit niederlegen?

Das Ergebnis wäre letztendlich, dass Betten geschlossen werden müssten. Bei einer hohen Streikbeteiligung in der Logistik, zu der der Krankentransport gehört, wäre es noch schwieriger, Termine zu geplanten Eingriffen, Prozeduren, Untersuchungen einzuhalten. Es wären dann auch gleichzeitig weniger Pflegekräfte auf den Stationen, die diese Transporte übernehmen können. Folglich müssten Termine verschoben oder Patient:innen in andere Kliniken verlegt werden. Wenn nach Entlassungen keine Reinigungen oder Desinfektionen der Zimmer und Betten zeitgerecht durchgeführt würden, müssten zusätzlich Betten zumindest vorübergehend unbelegt bleiben. Es könnten dann keine neuen Patient:innen mehr aufgenommen werden. Dieser Zustand könnte von den Verantwortlichen unmöglich so lange ignoriert werden, wie es bislang der Fall war.

Eine gekürzte Fassung des Interviews erschien am 29. September 2020 in der Jungen Welt. Zum Beitrag hier klicken.

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