Archiv der Kategorie: Gewerkschaft

Für demokratische Gewerkschaften!

Von vielen Kolleg*innen werden die Gewerkschaften nicht mehr als organisierter Ausdruck ihrer eigenen Interessen angesehen. Stattdessen werden sie mit einem gut bezahlten und abgehobenen Apparat gleichgesetzt.

Und es stimmt: Die wichtigen Entscheidungen bei ver.di, aber auch allen anderen Gewerkschaften, werden von einer kleinen Schicht von Bürokrat*innen getroffen. Sie verfügen über zahlreiche Privilegien, von der Freistellung über höhere Löhne bis hin zum Dienstwagen. Dafür bestimmen sie über die Köpfe der Mitglieder hinweg – und oft entgegen ihrer Interessen. In entscheidenden Momenten stellen sie sich deshalb auf Seiten der Arbeitgeber*innen, um ein Ausgleiten der Auseinandersetzung zu verhindern.

Das geht von den traditionellen Tarifrunden wie bei der BVG bis hin zu Arbeitskämpfen wie erst kürzlich bei den angestellten Lehrer*innen in Berlin. Diese streiken schon seit mehreren Jahren für die Losung „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“. Doch kurz vor den Berliner Abgeordnetenhauswahlen kam die Spitze der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit dem Berliner Senat auf eine Einigung und blies weitere Streiks ab. Diese beinhaltete nicht die Angleichung der Löhne und dafür erntete es viel Kritik von der Basis. Denn sie wurde nicht einmal gefragt, ob sie mit diesem Ergebnis zufrieden ist.

Die undemokratischen Mechanismen sichern den Spitzen des konservativen bürokratischen Systems die Kontrolle über die Gewerkschaften, ihre Mittel und Ausrichtung. Die Mitglieder können die Entscheidungen oft nur abnicken – oder wenden sich enttäuscht ab. Unser Konzept gewerkschaftlicher Arbeit ist dem komplett entgegengestellt. Wir setzen auf die offene und demokratische Beteiligung aller Kolleg*innen in allen Belangen.

Lebhafte Versammlungen, Transparenz und Diskussionen mit den Kolleg*innen können dazu beitragen, dass sie den Kurs der Gewerkschaft mitbestimmen. So kann es nicht mehr passieren, dass ein Ergebnis hinter dem Rücken der Belegschaft ausgehandelt wird, mit dem kein*e Kolleg*in einverstanden ist. Gewerkschaftsfunktionär*innen sollten nicht das Drei-, Vier- oder Fünffache einfacher Mitglieder verdienen, damit sie möglichst weit von den Belangen und Nöten der Basis entfernt sind. Darüber hinaus müssen die Gewerkschaftssekretär*innen gewählt werden können – und abwählbar sein, sollten sie sich durch ihre Politik unbeliebt machen. Denn: Gewerkschaftsapparate sind für ihre Mitglieder da, nicht umgekehrt.

Natürlich ist ein Angelpunkt des Problems, dass die allermeisten Arbeiter*innen selbst die Stellvertretungslogik übernommen haben. Die angenommene Natürlichkeit, mit der man heute zwischen „Mitgliedern“ und „Gewerkschafter*innen“ unterscheidet, führt bei Unzufriedenheit nicht weiter als zu dem Kurzschluss, dass es nur bessere „Interessenmanager*innen“ auf den Posten braucht, damit es vorwärts geht. Die Vorstellung, dass die Gewerkschaft und ihre Mitgliedern identisch sind, ist heute verschüttet.

Deswegen ist es so wichtig, um ein Programm der ständigen Beteiligung und vollständigen Selbstbestimmung der Kolleg*innen herum, möglichst viele, besonders junge Kolleg*innen, für die Gewerkschaftsarbeit begeistern und zu politisieren. Wir von ver.di aktiv arbeiten so auf eine antibürokratische Bewegung in den Gewerkschaften hin. Die Selbstorganisierung der Beschäftigten für ihre eigenen Interessen ist der Grundstein, um eine dauerhafte, fundierte kämpferische Gewerkschaftsarbeit auf die Beine zu stellen. Legen wir diesen Grundstein gemeinsam!

Recht auf Bildung für Arbeiter*innen!

Bildung ist wichtig für die Fähigkeit des Menschen, sich für die eigenen Rechte einzusetzen und sich im solidarischen Einsatz für die Rechte anderer zu engagieren.

Dies finden wir sehr gut. Dennoch erlaubt sich unsere Gewerkschaft ver.di eine Sparpolitik im Bildungsbereich und sogar die Schließung der Bildungseinrichtung Lage-Hörste! In der Mai-Sitzung 2015 hat der Gewerkschaftsrat die Schließung beschlossen. Zahlreiche Aktive haben sich mit Aktionen und Spendensammlungen dagegen gewandt, ohne Erfolg. Zum letztjährigen Bundeskongress war das nochmals kritisiert worden. Der Gewerkschaftsrat bleibt bei seiner Entscheidung. Ist den verantwortlichen Gewerkschafter*innen die Tragweite eines solchen Beschlusses deutlich?

Für die Komplettsanierung der Bildungsstätte Lage-Hörste werden 4,3 Millionen Euro veranschlagt. Im Jahr 2016 belaufen sich die erwarteten Mitgliedsbeiträge auf 454 Millionen Euro. Die Personalkosten betragen 240 Millionen Euro Einerseits ist die Rede von mehr Beitragseinnahmen, mehr Mitglieder durch die Werbe-Kampagne „Stark mit Dir“, einem bravourösen Verkaufsergebnis eines Hauses. Aber für den Erhalt einer Bildungsstätte soll kein Geld da sein?

Die Frage der Bildungsarbeit und der gewerkschaftlichen Bildungsstätten darf nicht nach neoliberaler Verwertungslogik behandelt werden. Es ist eine Pflicht- und Ehrenaufgabe der Gewerkschaften, den Arbeiter*innen alles bereitzustellen und sie offensiv dafür zu gewinnen, sich für den Klassenkampf zu bilden. Bildung ist unser Recht.

Gewerkschaften: Defensivposition durchbrechen!

von Erdoğan Kaya, Busfahrer

Das Jahr der Tarif­verhandlungen ist noch nicht vorbei. Die zwei mitgliedsstärksten DGB-Gewerkschaften, ver.di und IG Metall, haben für circa vier Millionen Beschäftigte Tarifrunden durchgeführt. Die Beschäftigten im öffentlichen Dienst und in der Metall- und Elektroindustrie und auch in anderen Bereichen wie Flugverkehr, Banken und Versicherungen und bei der BVG werden für die nächsten zwei Jahre Lohnverbesserungen bekommen.

Trotz Verbesserungen bei den Löhnen haben Gewerkschaften nicht alle ihre Forderungen durchsetzten können, obwohl die Kampfbereitschaft da war. Der Reallohnverlust der letzten Jahre wird sich fortsetzen. Die prekären Formen der Arbeit – Befristung, Leiharbeit, Werkverträge – wurden nicht geregelt. Die unbefristete Übernahme der Auszubildenden nach der erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung wird wieder vertagt. Die Wochenarbeitszeit war kein Thema in den Verhandlungen.

Dennoch begnügen sich die Gewerkschaftsführungen mit dem, was erreicht wurde. Die Führungen messen ihren Erfolg danach, wie groß der Verlust ist!

Die Erwartungen der Beschäftigten wurden somit nicht erfüllt. Die Möglichkeit, verschiedene Tarifauseinandersetzungen zusammenzuführen, wurde vertan. Die Gewerkschaften könnten eine große und breite Bewegung organisieren und somit die Arbeitgeber*innen extrem unter Druck setzen. Die Bereitschaft zum Arbeitskampf war vorhanden. Diese zeigten sich bei den Aktionen.

Die stärkste Waffe der Beschäftigten – Solidarität – wurde nicht eingesetzt. Diese nutzten die Arbeitgeber*innen und konnten die Forderungen der Gewerkschaften mäßigen.

Bei der BVG meinten einige Kolleg*innen zum Ergebnis: „Das ist ein Witz“. Andere wiederum: „Naja, was will man sagen?“

Solange wir in der Defensiv­haltung bleiben und nicht in die Offensive gehen, werden wir keine spürbaren Verbesserungen erreichen, weder beim Lohn noch bei den Arbeitsbedingungen.

Dies geht nur, wenn die Kolleg*innen in die Tarifauseinandersetzungen aktiv eingebunden werden!

Foto: Benjamin Oster / Flickr / Creative Commons

Erneuerung durch Streik Dritte Streikkonferenz

Wir glauben nicht, dass es innerhalb der BVG keine weiteren Aktiven gibt, die sich in die gewerkschaftlichen Dinge einbringen wollen.

Diese dritte Streikkonferenz ist ein weiterer Impuls, sich mit anderen auszutauschen, um im eigenen Betrieb eine konfliktorientierte Herangehensweise zu entwickeln.

Melde dich und fahre mit uns mit!

30. September – 2. Oktober in Frankfurt/Main

Programm & Anmelden unter: www.rosalux.de

Bildungs­urlaub – was ist das?

von Wolfgang Wendt, Busfahrer

Das Berliner Bildungsurlaubsgesetz (BiUrlG) wurde 1970 verabschiedet und ist seither fester Bestandteil der Bildungspolitik des Landes Berlin.

Bildungsurlaub bezeichnet den Rechtsanspruch von ArbeitnehmerInnen gegenüber ihren Arbeitgebern auf bezahlte Freistellung von der Arbeit für die Teilnahme an anerkannten Veranstaltungen, die der politischen Bildung und/oder der beruflichen Weiterbildung dienen.

Einen Rechtsanspruch haben alle Berliner ArbeitnehmerInnen und Auszubildenden unabhängig vom Lebensalter.

Der Bildungsurlaub beträgt zehn Arbeitstage innerhalb eines Zeitraumes von zwei aufeinander folgenden Kalenderjahren (also fünf Tage pro Jahr). Bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres hat man einen Anspruch von 10 Arbeitstagen im Kalenderjahr.

Bildungsurlaub kann von den ArbeitnehmerInnen frei gewählt werden. Eine Freistellung kann nur für Bildungsveranstaltungen erfolgen, die von der zuständigen Senatsverwaltung anerkannt worden sind oder als anerkannt gelten. Dazu zählen berufliche Bildungsveranstaltungen, die von öffentlichen Schulen, öffentlichen Volkshochschulen, Hochschulen oder anerkannten Privatschulen durchgeführt werden.

Inanspruchnahme und Zeitpunkt des Bildungsurlaubs sind den Arbeitgebern so frühzeitig wie möglich, in der Regel sechs Wochen vor Beginn der Freistellung, schriftlich oder mündlich mitzuteilen. Auf Verlangen sind den Arbeitgebern bzw. Ausbildenden die Anmeldung zur Bildungsveranstaltung und der Anerkennungsbescheid der zuständigen Senatsverwaltung vorzulegen.

KollegInnen, die Gewerkschaftsmitglied sind, können auch vom Bildungsangebot der Gewerkschaften Gebrauch machen. Die Seminarkosten werden von den Gewerkschaften übernommen.

Mache von deinem Recht Gebrauch! Jeder Bildungsurlaub, der nicht in Anspruch genommen wird, ist ein Geschenk an die Arbeitgeber.

Ein/e Kollege/in, der/die seit 20 Jahren gearbeitet hat, hat dem Arbeitgeber 100 Tage geschenkt! 100 kostbare Tage! Wie sagt man: Ein später Anfang ist besser als gar keiner!

Bildungsangebote für ver.di Mitglieder unter:

www.bildungsportal.verdi.de

Tarifrunde Öffentlicher Dienst: Für Sechs Prozent mehr Lohn!

von Erdoğan Kaya, Busfahrer

Die Bundestarifkommission hat sich am 18. Februar in Berlin mehrheitlich für folgende Forderungen entschieden: 6 Prozent mehr Lohn; 100 Euro mehr für die Auszubildenden und PraktikantInnen; verbindliche Übernahmeregelung für Auszubildende; Einschränkung befristeter Arbeitsverhältnisse; keine Absenkung der Zusatzversorgung (VBL). Der neue Tarifvertrag soll eine Laufzeit von einem Jahr haben. Das Ergebnis soll zeit- und wirkungsgleich auf die BeamtInnen des Bundes übertragen werden.

Mit diesen Forderungen werden die KollegInnen im Öffentlichen Dienst (2,14 Millionen Beschäftigten) in die Tarifauseinandersetzung mit dem Bund und dem Verband der kommunalen Arbeitgeber (VKA) eintreten.

„Weil es um mehr geht!“

Die KollegInnen im Öffentlichen Dienst leisten gute Arbeit. Der Sparwahn der letzten Jahre hat dazu geführt, dass es überall an Personal mangelt und viele Überstunden gemacht werden müssen. Deshalb sind ihre Forderungen mehr als berechtigt.

Geld ist genug da. Die Steuereinnahmen steigen seit 2009 kontinuierlich. Nach Schätzungen werden die Steuereinnahmen in den Jahren 2016 und 2017 insgesamt um 6,8 Prozent steigen. Deshalb muss gute Arbeit ordentlich bezahlt werden.

Gemeinsam für mehr Lohn!

Auch wir BVG-Beschäftigten befinden uns in Tarifverhandlungen. Der Kommunale Arbeitgeberverband (KAV) hat 2,5 Prozent angeboten. Das ist viel zu wenig für die geleistete gute Arbeit der KollegInnen bei der BVG!

Unsere Löhne liegen im Vergleich mit anderen Bundesländern am unteren Ende der Skala. Der Einstiegslohn für FahrerInnen bei der BVG liegt bei 1992 Euro, in Bayern bei 2530 Euro, in NRW bei 2260 Euro, in Sachsen-Anhalt bei 2072 Euro usw. Die große Frage steht im Raum: Wird es einen Tarifautomatismus von 2,5% geben. Werden die Löhne bei der BVG im Vergleich zum Bundesdurchschnitt weiter sinken?

Die KollegInnen bei der BVG leisten gute Arbeit. Diese Arbeit muss auch ordentlich bezahlt werden. Eine solidarische Verteilung des Angebotes von 2,5 Prozent für die unteren Lohngruppen kann die Differenz nicht decken. Wir dürfen uns von der gesamten Lohnentwicklung im Land nicht abhängen lassen.

Orientieren wir uns an den Forderungen des öffentlichen Dienstes und lassen die unteren Lohngruppen mehr an der Lohnerhöhung teilhaben!

Gemeinsam können wir es schaffen!

Der Kampf um gute Arbeit und gute Bezahlung muss gemeinsam geführt werden. Die Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst und bei der BVG laufen parallel. Dies bietet uns die Möglichkeit, zusammen zu kämpfen. Außerdem sind wir mit unseren Auszubildenden ein aktiver Teil des TV-ÖD. Gemeinsam sind wir stark! Unsere Auszubildenden fordern: 100 Euro mehr Lohn, 30 Urlaubstage im Jahr und Übernahme nach der Ausbildung.

Der erste Termin für eine gemeinsame Aktion steht schon fest. Am 21. März kommen die VerhandlungspartnerInnen in Potsdam zusammen. Zwei weitere Termine stehen ebenfalls fest: 11.-12. April und 28.-29. April.

Foto: Andreas Lehner / Flickr / Creative Commons

Vernetzung in Dortmund KollegInnen ziehen Bilanz

von Wolfgang Wendt, Busfahrer

Am 30.08.2015 trafen sich 50 KollegInnen aus dem gesamten Bundesgebiet, die bei ver.di organisiert sind, in Dortmund. Im ersten Tagesordnungspunkt ging es um die Auswertung der Tarifauseinandersetzungen bei der Post sowie im Sozial- und Erziehungsdienst (SuE).

Streik bei der Post

RednerInnen aus dem Paketdienst, der Briefzustellung oder der Logistik beklagten die mangelnde Demokratie bei der Streikführung. Im Bereich der Briefzentren gab es keine einzige Streikversammlung. Bei der Streikgeldauszahlung gab es massive Probleme. In dem vierwöchigen Streik hat die Gewerkschaft ver.di es nicht geschafft, alle organisierten KollegInnen zu mobilisieren – maximal ein Drittel der 100.000 Gewerkschaftsmitglieder war im Ausstand.

Insgesamt hat ver.di eine einzige Verzichtskampagne geführt. Das Unternehmen wollte eine Ausgliederung in 49 Regionalgesellschaften. Dagegen forderte die Gewerkschaft Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung. Doch diese Forderungen wurden geopfert. Die harte Haltung der ArbeitgeberInnen hätte keine andere Lösung zugelassen. Die unbefristeten Arbeitsverträge in den neuen Ausgliederungen wurde für positiv erklärt.

Das Ergebnis des Streiks wurde ohne jede Mitglieder­befragung oder Meinungsbildung vorgelegt. Diese Strategie ist absolut kontraproduktiv für die Mitgliederbindung oder gar Mitgliedergewinnung. Gerade wegen eines Gewinnergebnisses der Post AG von drei Milliarden Euro im Jahr 2014 ist die ver.di-Strategie zu kritisieren.

Sozial und Erziehungsdienst

Beim Arbeitskampf der KollegInnen in den Sozial- und Erziehungsberufen konnten – nicht zuletzt auf Initiative von Aktiven aus der Streikbewegung von 2009 – Formen der Mitsprache von unten eingeführt werden. So fanden in einigen Bezirken tägliche Streikversammlungen statt. Allerdings wurde deutlich, dass im Verlauf des Kampfes nicht die Streikdelegiertenversammlung das letzte Wort bei den Entscheidungen hatte, berichtete Julian Koll.

So waren die KollegInnen mit der Anrufung der Schlichtung und dem damit verbundenen Streikabbruch vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Die Streik-Delegiertenversammlung lehnte den Schlichterspruch mehrheitlich ab und setzte zunächst eine Mitgliederbefragung durch. Das Ergebnis war dann mit fast 70% für die Fortsetzung des Streiks überwältigend.

Die TeilnehmerInnen des Vernetzungstreffens schätzten ein, dass es von Seiten des Bundesvorstandes nun Bestrebungen gibt, die Beteiligung der Mitglieder an den Entscheidungen wieder zurückzudrängen. Dafür spricht, dass bisher keine bundesweite Streikdelegiertenversammlung einberufen wurde und dass die Streikstrategie offensichtlich ohne Diskussion unter den betroffenen KollegInnen beschlossen wird.

Schlussfolgerungen

Generell wurde aus den verschiedenen Tarifrunden bei ver.di die Schlussfolgerung gezogen, dass die ver.di-Führung die Härte der Arbeitgeber unterschätze, immer noch von Sozialpartnerschaft ausgehe und Rücksicht auf die regierende SPD nehme. Dies führe dazu, dass ver.di ohne eine erfolgversprechende Streikstrategie in Tarifauseinandersetzungen gehe.

Viele KollegInnen kritisierten, dass ver.di die verschiedenen Streiks im Jahr 2015 nicht zusammenführte und damit eine große Chance verpasst hat. Es hätte gute Möglichkeiten gegeben, wenn die KollegInnen der Post, der SuE, des Einzelhandels, von Amazon und der Berliner Charité – allesamt in ver.di organisiert – gemeinsam zu einer bundesweiten Demonstration auf die Straße gegangen wären. Auch der Schulterschluss mit den KollegInnen der GDL wäre wichtig gewesen.

In der Einladung zu diesem Treffen wurde die Aussage getroffen: Wir wollen „erste Überlegungen anstellen, wie sich kritische AktivistInnen in ver.di effektiver zusammenschließen können, um sich für einen kämpferischen Kurs ihrer Gewerkschaft einzusetzen.“ Dies kam nach meiner Überzeugung in den zur Verfügung stehenden fünf Stunden viel zu kurz.

Foto: Marco Verch / Flickr / Creative Commons

Auf dem Fotoblog von Marco Verch

Was für eine Gewerkschaft brauchen wir?

Der Betriebsgruppenvorstand (BGV) hat in seiner Sitzung am 18. März 2015 mit einem Beschluss ver.di aktiv verboten, die Räume der Gewerkschaft zu nutzen. Der Beschluss wurde schon umgesetzt und eine Raumfrage von ver.di
aktiv im April wurde bereits abgelehnt. Wir haben auf diesen Beschluss mit einer Stellungnahme geantwortet und diese Stellungnahme an verschiedene Gremien von ver.di verschickt. In der vorliegenden Ausgabe findet ihr kurze Auszüge aus dem Beschluss und aus unserer Stellungnahme. Die ausführlichen Texte könnt ihr auf unserer Internetseite lesen.
Worum geht es bei dieser Auseinandersetzung?
Bei dieser Auseinandersetzung geht es darum, wie Gewerkschaftsarbeit verstanden und umgesetzt wird! Bevor wir unsere Sichtweise darlegen, möchten wir näher erörtern, wie die Gewerkschaftsarbeit bei der BVG zumindest bisher funktionierte. Alle vier Jahre finden Organisationswahlen statt. Auf jeder Dienststelle werden Vertrauensleute* gewählt. Die gewählten Vertrauensleute bilden die Vertrauensleuteversammlungen (VLV). Diese Versammlungen entsenden wiederum Vertrauensleute in verschiedene andere Gremien, wie z.B. Tarifkommission, Betriebsgruppenvorstand usw.
Alle diese Gremien kommen mindestens einmal im Monat zusammen. Diskussionen über betriebliche und überbetriebliche Themen mit den Mitgliedern finden kaum statt. Mit der Zeit sinkt das Interesse vieler der gewählten VertreterInnen an ihrer Aufgabe. Die Versammlungen finden in kleineren Kreisen statt. Die praktische Solidarität mit anderen Bereichen findet eigentlich gar nicht statt. Die Unterstützung der Bildungsarbeit unter den Vertrauensleuten und Mitgliedern ist mangelhaft.
Wir wollen die Gremium- Arbeit ergänzen und stärken!
Dies wollen wir durch mehr Diskussionen über betriebliche und überbetriebliche Themen tun! Wir haben schon zwei Diskussionsveranstaltungen über Themen wie, „Wie ist das Reichtum verteilt“ und „Streikrecht verteidigen“ organisiert, wo Kolleginnen und Kollegen teilgenommen haben. Wir wollen, dass mehr praktische Solidarität mit anderen Bereichen ausgeübt wird! Wir wollen, dass die Aktiven und auch andere bei der Bildungsarbeit aktiv unterstützt werden.
Wir wollen, dass die KollegInnen mobilisiert, aktiviert und politisiert werden. Kritik soll zur Verbesserung der Vertrauensleutearbeit dienen. Wir wollen möglichst alle Interessierten einbinden und bisher desinteressierte Mitglieder aktivieren. Wir setzen uns für eine aktive, demokratische und kämpferische Gewerkschaft ein. Nur mit einer aktiven Basis können wir die Herausforderungen der heutigen Zeit meistern. Nur so können wir unsere Forderungen durchsetzen. Nur so werden wir zu einer Alternative für viele Nicht-Mitglieder!
Wir haben mit dieser Haltung zu einigen kleineren mutigen Schritten beigetragen. Seit Monaten ist das Thema „Befristung“ TOP 1 in allen gewerkschaftlichen Gremien bei der BVG. Als wir 2013 mit einer Aktion gegen die Befristung in der Personal­versammlung VBO Süd begonnen haben, haben viele KollegInnen uns skeptisch angeguckt. Wir haben in jeder Ausgabe von aktiv das Thema auf die Titelseite gesetzt. Wir haben mit vielen KollegInnen darüber diskutiert. Wir freuen uns sehr, dass das Thema in allen Gremien angekommen ist und werden nicht locker lassen, bis die Befristungen bei der BVG abgeschafft sind.
ver.di aktiv ist eine Basisgruppe und steht strukturell zu keinem Gremium in Konkurrenz. Wir werden uns weiterhin für die Grundsätze der Gewerkschaftsarbeit aktiv einsetzen. Wer uns mundtot machen will, stellt sich gegen die Grundsätze der Gewerkschaft! Deshalb fordern wir den Betriebsgruppenvorstand auf, seinen undemokratischen Beschluss zurück zu ziehen!
* Vertrauensleute sind von den Gewerkschaftsmitgliedern gewählte GewerkschaftsvertreterInnen vor Ort.

Foto: GewerkschafterInnen von ver.di, GEW und GDL gemeinsam solidarisch mit den Kita-Streiks.

Offene Diskussionsveranstaltung: Streikrecht verteidigen und gewerkschaftliche Solidarität leben!

Diskussionsveranstaltung: Streikrecht verteidigen und gewerkschaftliche Solidarität leben!

RednerInnen:
Rolf Wiegand (Vorsitzender des ver.di-Landesbezirksvorstandes)
Uwe Krug und Axel Wolf (S-Bahn und DB Regio / GDL)
ArbeitsrechtlerIn (angefragt)
VertreterIn des BgV (angefragt)
Kalle Kunkel (ver.di Sekretär für FB 3)

Moderation:
Erdogan Kaya (ver.di aktiv)

* Angaben zur Kenntlichmachung der Person

Veranstalter:
ver.di aktiv, Basisgewerkschaftsgruppe bei der BVG   

Freitag, 27.2., 18-20 Uhr
ver.di-Haus (Raum 6.06, 6. Etage)
Köpenicker Str. 30 (10179 Berlin)

Was heißt aktiv sein – und warum?

Es steht fest, dass der derzeitiger Lohn den Arbeitsbedingungen und Arbeitsbelastungen nicht entsprechen! Von vielen KollegInnen wird genau dies zunehmend kritisiert. „Es hat nicht jeder Monat 3 Feiertage!“, „Ich finde es schon ein bisschen sehr wenig für diesen Job mit 1.250 € netto im Monat!“ Diese Aussagen hört man sehr oft. Ja, es stimmt.
Aber wer soll es richten? Frau Nikutta wird nicht zu Dir kommen und Dir mitteilen, dass Du ab dem 30.06.2015 eine Lohnerhöhung von 250 € mehr im Monat bekommen wirst. Von allein wird sich nichts verändern! Gewerkschaftsarbeit ist Freizeitarbeit! Aber einmal mehr, als sinnvolle Arbeit betrachtet, kommt letztlich mehr raus, als seine Freizeit mit Überstunden zu verbringen.
Darin besteht die Hauptaufgabe von Gewerkschaftsmitgliedern. „Ich muss Geld verdienen, habe keine Zeit für mehr Aktivitäten bei euch“, „Meine knappe Freizeit ist mir wichtiger“, „Nach sechs Tagen Arbeit bin ich total fertig“. Stimmt irgendwo alles! Jedoch, es muss ein Weg geben, unsere Zukunft nach dem Motto: „Arbeiten, um zu leben“ und nicht „Leben, um zu arbeiten“ zu verändern. Denn wenn wir heute nicht für mehr Freizeit kämpfen, wir werden morgen noch weniger Freizeit haben!
Deshalb, es gibt keine andere Wahl, als aktiv zu werden!
Werde aktiv mit uns! Seit Oktober 2013 gibt es die Gruppe „ver.di aktiv“. Was wir bisher angeschoben haben und noch anschieben werden, sehen wir als Beginn eines Prozesses. Auch in anderen Branchen werden mit Beteiligung und Konfliktorientierung alte Routinen durchbrochen.

Erneuerung durch Streik, Teil II

Zur diesjährigen Konferenz „Erneuerung durch Streik Teil II“ sind weit über 600 Gewerkschaftsaktive aus dem gesamten Bundesgebiet angereist. Scharfe Kritik, begleitet mit Buh-Rufen und Pfiffen, wurde an der Räumung der Geflüchteten aus dem Berliner DGB-Haus am 02.10. durch die Polizei geäußert. Der Hamburger ver.di-Fachbereichsleiter für Besondere Dienstleistungen, Bremme sagte dazu: „Hier erklärt sich eine dem Humanismus und der Solidarität verpflichtete gesellschaftliche Organisation für nicht zuständig für das politische verursachte Leid einer gesellschaftlich schwächsten Gruppe und wirft ihr vor, sie würde ihn an der Arbeit hindern“.
Auch die Tarifeinheit war ein Thema, unter der Losung „Hände weg vom Streikrecht“, wozu einige Workshops eingerichtet wurden. Der Grundtenor bestand darin, dass die Bundesregierung ein Gesetz zur Tarifeinheit erlassen will. Dies wäre ein faktisches Streikverbot für kleinere Gewerkschaften, wie zum Beispiel, Cockpit für die PilotInnen oder die GDL für die LokführerInnen u.v.m. Unterm Strich würde dies für einige Betriebe bzw. Institutionen auch ein Streikverbot für ver.di bedeuten. Dies muss mit aller Macht verhindert werden. Man kann das nur begreifen, wenn man fragt, welche Interessen dahinterstehen. Dann stößt man auf neoliberale Eliten und globale FinanzmarktakteurInnen.
Sicher, die positive Stimmung in Hannover ändert nichts an der Tatsache, dass die Gewerkschaften an vielen Stellen zu schwach sind, weil sie dem Strukturwandel des Arbeitsmarktes in den letzten 25 Jahren zu träge gegenüber standen.